Luka Peters

Notizen aus den Weiten des Menschseins

Rezension: Dana Vowinckel, Gewässer im Ziplock

Deutschland, Israel, Amerika. Drei Länder, drei Nationen, drei Kulturen jüdischen Lebens. Und drei Menschen, deren Leben zwischen Heimatsuche und Fremdheit changieren: Die 15-jährige Margarita, ihr Vater Avi und ihre Mutter Marsha. Dass sich die Eltern getrennt haben, als Margarita ein Kleinkind war und sich aufgrund chaotischer Verstrickungen und Mißverständnisse nach 13 Jahren wiedersehen, ist die Matritze, vor der das moderne jüdische Leben an den Orten der Erzählung geschildert und befragt wird.

Die jugendliche Protagonistin nimmt uns aber auch mit in ihre Innenwelt, zeigt uns die Landschaft dieser adoleszenten Seele und verschont uns nicht mit den physischen und psychischen Irritationen, die in dieser Lebensphase unumgänglich sind. Als junge, weibliche Stimme spart sie feministische Themen nicht aus, die wie alle anderen beiläufig und selbstverständlich in das tägliche Leben eingewoben sind.

Die Frage der Identität

Das zentrale Thema des Buchs ist Identität als Jüdin, als Jude im frühen 21. Jahrhundert. Die immer noch verleugnete Shoah, die alltäglichen antisemitischen Verletzungen sowie antisemitischer Terror wie der Anschlag 2019 in Hanau, prägen das Leben von Avi und Margarita ebenso wie die religiöse Praxis des Vaters und das Ringen der Tochter um ihre eigene Haltung zum Glauben.
Im Kontrast dazu erleben wir Marsha, Magaritas Mutter, die Deutschland verlassen hatte, weil sie die Deutschen und ihren allenthalben spürbaren Judenhass nicht ertrug, und in den USA ein säkulares Leben führt.

In Israel erlebt sich die junge Frau als Touristin, als Deutsche. Dass sie Iwrit spricht dient manchesmal als Legitimation, ohne das bliebe sie eine Fremde auch dort:

„Dieses Hebräisch des Volkes Israel, das uns nie verlassen hat. Ein Regenmantel aus Sprache, ein Regenmangel aus kehligen Lauten, an dem alles abperlte, der alles überstand.“

Die Frage der Identität spitzt sich zu, als Margarita von ihrer Mutter erfährt, dass sie auf der matrilinearen Ebene keineswegs jüdisch ist. An diesem Punkt frag der Roman, ob das für eine jüdische Identität eine Rolle spielen kann und darf. Die Fragen des Dürfens stellt sich, denn zwischen den Zeilen steht unausgesprochen der Vergleich mit der Rassenterminologie des Nationalsozialismus, der „Viertel-“ , „Halb-“ , und „Volljuden“ auf perfide Art unterschied.

Konzeption, Rezeption und ein Rätsel

Das Romandebut der Autorin bewegt sich sprachlich in einer Nüchternheit, die zuweilen von überraschend lyrisch wirkenden Einsprengseln gebrochen wird. Vowinckel schreibt aber auch treffende Beobachtungen wie:

„[…] denn an welchem Ort der Welt durfte man noch weniger wegen seines persönlichen kleinen Dramas zergehen als in Yad Vashem.“

Erfrischend ist es auch, eine junge Autorin zu lesen, der es gelingt, das Persönliche mit dem Politischen auf eine selbstverständliche, geradezu fließende Art zu verbinden. (Der Buchtitel allerdings lässt uns zurück mit einem Rätsel.)
Es tut gut, für einmal nicht einer bauchnabelfixierten Selbstfindung ausgeliefert zu sein, wie man das in der jungen deutschsprachigen Literatur seit ein paar Jahren im Übermaß erlebt.

„Ein unpolitisches Leben bedeutete ein Leben ohne Hunger, ein Leben ohne Wut, ein taubes.“

Überraschend ist allerdings, wie ostentativ sich ein großer Teil des deutschen Feuilletons weigert, ein zentrales Thema dieses Buches wahrzunehmen, und zwar das Leben als Jude oder Jüdin in Deutschland und das damit einhergehende dauerhafte Gefühl der Fremdheit und Bedrohung. Ist man in Deutschland auch in den Jahren 2023/2024 noch nicht so weit, vor Scham zu weinen statt vor Trauer, wie Dana Vowinkel es in ihrer Erzählung fordert?

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