MyCopyright: Nützlich oder nur Geschäftsmodell?
Was tust du, wenn dein Text, Foto oder ein anderes Werk von dir irgendwo im Netz auftaucht und jemand Urheberschaft und Umsätze für sich beansprucht?
Genau: Erstmal dumm gucken, dann wütend werden und endlich hektisch nach deiner Originaldatei auf den Datenspeichern suchen. Und dir eine Anwältin suchen mit dem Fachgebiet Urheberrecht. Es folgen juristische Streitereien und zerrüttete Nerven.
Verlage, die Manuskriptideen geklaut haben. Gamedesigner, deren Arbeit plötzlich von anderen veröffentlicht wurde. Davon hat man zuweilen, aber selten gehört. Aber nun sind die KI-Unternehmen auf dem Markt und bedienen sich hemmungslos, um alles als "Trainingsdaten" zu verwursten. Der gesicherte Nachweis der Urheberschaft könnte damit relevanter werden als bisher. Was also tun? Ein notarieller Prozess ist teuer und umständlich und sichert die Form, aber nicht den Inhalt.
Diese Lücke will die schweizerische Verwertungsgesellschaft ProLitteris mit ihrem neuen Service MyCopyright füllen. Technischer Partner von ProLitteris ist das Unternehmen Swiss Trust Layers. Mit MyCopyright soll es einfacher werden, die Urheberschaft digital veröffentlichter Werke nachzuweisen.
Ich habe das Tool getestet und stelle es dir in diesem Artikel vor. Der Artikel ist deutlich länger geworden, als ursprünglich geplant, und das liegt vor allem daran, dass MyCopyright eine gewisse Komplexität und leider auch Umständlichkeit in der Handhabung hat. Um das darzustellen, brauchte es mehr Worte als sonst.
Die Kernfunktionen von MyCopyright
Die Nutzung von MyCopyright ist derzeit (Oktober 2026) damit verbunden, dass du einen Vertrag mit ProLitteris hast. Es gibt verschiedene Vertragsformen, du findest dazu mehr auf deren Website (Link s.u.). Kosten fallen für dich dafür nicht an.
Der aktuelle Funktionsumfang konzentriert sich auf das Hinterlegen und Versiegeln von Dateien. Im Einzelnen sind das folgende Funktionen:
- Hochladen von Dateien: Du legst für dein Projekt einen Ordner an. Deine Dateien ("Idee" genannt) können jedes beliebige Format haben, ob Text, Foto, Quellcode, Grafik oder anderes.
- Versionierung: Den Ordner, in dem du deine Projektdateien hochlädst, kannst du versionieren. Eine automatische Versionierung gibt es leider nicht - dazu mehr weiter unten.
- KI-Deklaration: Seit Oktober stehen verschiedene Optionen für eine KI-Deklaration zur Verfügung. Damit kannst du beschreiben, wie viel (oder dass keine) KI-Mitarbeit in deinen Dateien steckt. Wichtig: Das ist nur möglich, bevor du den Ordner und damit die Dateien versiegelst.
- Nutzung der Dateien für KI-Training: Wenn du die KI-Deklaration vornimmst, kannst du gleichzeitig auch wählen zwischen KI-Training erlaubt und nicht erlaubt. Ist das sinnvoll? Mehr dazu unten.
- Versiegeln der Dateien: Das Versiegeln ist das Kernfeature des Ganzen. Für jede Datei in deinem Projekt wird ein einmaliger Hashwert erzeugt, und zwar für die von dir zuletzt hochgeladene Version. Mehr zu dieser Technologie folgt weiter unten.
- Wenn man sich bei MyCopyright verifiziert hat, ist es auch möglich, mit bestimmten Personen Dateien zu teilen. Das ist praktisch, wenn z.B. jemand in einem Verlag Zugriff auf dein Werk haben soll.
- Herunterladen der versiegelten Dateien: Du bekommst damit genau die Version, die versiegelt wurde. Das könnte hilfreich sein, wenn du diese Fassung selbst nicht mehr gespeichert hast.
Dateien versiegeln mit MyCopyright
Jede Datei wird mit einem Hashwert versehen. Der Hashwert ist einmalig und wird auf Basis des gesamten Inhalts der Datei generiert. Änderst du an einem Text nur einen Buchstaben oder an einem Bild ein Pixel, entsteht aus dieser Datei ein anderer Hashwert. Auf diese Weise wird eindeutig nachweisbar, dass die Datei einmalig und unverändert ist.
Ein Hashwert sieht beispielsweise für eine Grafik aus meinem Test-Projekt so aus:

Hashwerte werden schon lange verwendet, beispielsweise um die Echtheit von Software oder von E-Mail-Signaturen zu verifizieren oder um mit Blockchain Kryptowährungen abzusichern. Die Technologie ist also relativ alt, erprobt und bisher zuverlässig und sicher.
Wo werden hochgeladene Dateien gespeichert?
Hier liegt noch ein verstecktes Risiko. Offiziell heißt es bei ProLitteris:
Damit verbunden wird eine besonders sichere, souveräne Speicherung der Datei in der Schweiz. Sie können vermeiden, dass die Datei in einer Cloud im Internet liegt, die anderen Akteuren den Zugang zu Daten ermöglichen könnte.
Aber dazu muss man wissen, dass die Speicherung auf einem Server in der Schweiz erst möglich ist, nachdem man sich mit NFC-fähigem Ausweis und Smartphone bei MyCopyright verifiziert hat. Bis dahin sind die Daten bei Microsoft Azure gespeichert und liegen damit unter amerikanischem Recht in einer Cloud auf Servern in den USA.
Geplante Weiterentwicklung von MyCopyright
ProLitteris hat einen kontinuierlichen Ausbau des Tools vor. Noch Ende dieses Jahres oder Anfang 2027 soll die "KI-Detection" zur Erkennung von KI-Anteilen an Werken kommen. Ich bin gespannt, wie das umgesetzt wird, denn derzeit machen sogenannte KI-Detektoren vor allem negative Schlagzeilen aufgrund ihrer hohen Fail-Raten.
Darüber hinaus soll MyCopyright mit einem Register zur Verknüpfung von Werken und Rechteinhaber:innen erweitert werden und eine Art Copyright-Office mit weiteren Funktionen entstehen. Aktuell laufen Tests mit weiteren Funktionen, die speziell für die Zielgruppe Verlage interessant sein sollen.
Ein sehr wichtiges Thema ist allerdings in der Planung des Tool-Ausbaus weiter nach hinten verschoben: Die Lizenzierung der KI-Nutzung von Werken. Die Nutzung künstlerischer Arbeiten durch KI vollständig pauschal zu verbieten, ist eine Möglichkeit, die aber kaum kontrollierbar ist. Der andere Weg ist es, offensiv Lizenzen anzubieten und so die Urheber:innen an den Nutzungserlösen zu beteiligen. Das entspricht dem Kerngeschäft der Verwertungsgesellschaften und soll zukünftig auch für die KI-Nutzung, das sogenannte "Scrapen", eingesetzt werden. Die Nutzung von Werken ohne das Zahlen der Lizenzen wäre damit eindeutig illegal.
Aber laut ProLitteris folgt dieser Schritt erst in einer nicht näher definierten Zukunft (Link am Ende des Artikels).
Für ProLitteris ist dagegen zentral, dass sie ihr Produkt anderen Verwertungsgesellschaften, auch in anderen Ländern, anbieten wollen. Denn MyCopyright ist ein Franchisemodell für Verwertungsgesellschaften und andere Business-to-Business-Bereiche. Vereinfacht beschrieben, will ProLitteris also daran verdienen, dass sie den Service, das Modell oder die Idee "vermieten".
Die Kritikpunkte
Die Idee ist gut und kommt zur richtigen Zeit. Wegen der massiven Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke ohne Zustimmung der Rechteinhaber:innen durch KI-Unternehmen wie OpenAI, Anthropic, Meta oder Google stehen wir jetzt schon vor einigen Problemen, die wir besser gestern gelöst hätten, als auf morgen zu warten. Für meinen Geschmack sieht die Umsetzung in Form von MyCopyright aber mehr nach Geschäftsmodell aus als nach einer realistischen Unterstützung für Autor:innen durch die Verwertungsgesellschaft. Das zeigt sich daran, dass ausgerechnet die Lizenzierungsfunktion nach hinten geschoben ist, aber meiner Meinung nach auch an den folgenden Punkten:
Unausgereifte Funktionen
Neue Software hat immer sogenannte "Kinderkrankheiten". Manches davon ist verzeihbar, zum Beispiel ist die Sprache nach dem Login bei MyCopyright immer auf Englisch eingestellt und eine andere Sprachauswahl wird nicht dauerhaft gespeichert.
Der gesamte Vorgang ist komplex, aber leider auch die Nutzeroberfläche. Intuitive Benutzung sehe ich dort nicht. Das hätte mit einem guten Userinterface-Design besser sein können.
Einschneidender ist dagegen die Versionierungsfunktion. Der Ordner, in dem du deine Projektdateien ablegst, wird nicht automatisch versioniert, sondern erst, wenn du auf "Neue Version hinzufügen" klickst. Aber aufgepasst: Die Dateien darin werden nicht versioniert, wie man das von anderen Versionierungstools kennt. Du kannst eine Datei mit dem exakt gleichen Dateinamen mehrfach hochladen, ohne eine Fehlermeldung zu bekommen. Zwar stehen diese Dateien dann nebeneinander im Ordner, aber das Risiko, im Chaos zu enden, ist für neue Nutzende hoch.
Knapper Speicherplatz
10 MB im Basis-Paket sind ein Witz und 50 MB als "Mitglied" von ProLitteris sind nicht viel besser. Ein literarisches Projekt von mehreren hundert Seiten überschreitet das sogar im datensparsamen OpenDocument-Format, ganz zu schweigen von Foto-, Audio- oder Videowerken oder umfangreichem Programmcode für größere Projekte wie Spielen.
Hohe Kosten
Mehr Speicherplatz als 10 beziehungsweise 50 MB gibt es gegen Bezahlung. Die Preise für den Speicher auf Microsoft Azure bewegen sich zwischen 29 CHF pro Jahr für 1 Gigabyte bis zu 1500 CHF für 1 Terabyte. Wer zertifiziert ist, kann zu "Escrow", einen Speicher in der Schweiz, wechseln. Dann kostet 1 GB 59 CHF pro Jahr und für 1 TB sind 2278 CHF zu entrichten. Es gibt größere Speichervolumen mit entsprechenden Preisen.
Wenn ich mir ansehe, wie knapp 98 % aller Autor:innen kalkulieren müssen, weil sie vom Schreiben nicht leben können (s. Link am Ende des Artikels), dann stellen die Preise für realistisch großen Speicherplatz das Gegenteil eines Nutzungsanreizes dar.
Verträge und Verifizierung
MyCopyright steht dir nur mit einem Vertrag mit ProLitteris, oder in der Zukunft mit einer der anderen Verwertungsgesellschaften, zur Verfügung. So weit, so nachvollziehbar.
Aber auch mit Vertrag kannst du ohne Verifizierung mit NFC-fähigem Ausweis und Smartphone nur die Grundfunktionen nutzen, die ich oben beschrieben habe. Diese zusätzliche Hürde ist in der Umsetzung der Datenversiegelung begründet, die von der Swisscom durchgeführt wird und international zertifiziert ist.
Rechtliche Situation
Es ist aktuell nicht absehbar, ob diese Methode der Dateihinterlegung bei rechtlichen Auseinandersetzungen und insbesondere in der Problematik mit KI-Trainingsdaten hilfreich sein wird. Zwar kann man die Nutzung der Daten für das KI-Training im Rahmen des Versiegelns ablehnen, aber wie wirksam ist das in der Realität? Vor allem bei Dateien, die versiegelt und nur für zugelassene Personen erreichbar sind? Das alles wird sich erst durch reale, juristisch entschiedene Fälle zeigen. Dass Dateien zunächst bei Microsoft Azure liegen, bis man als Nutzer:in explizit (und nach Verifizierung) zum Server in der Schweiz wechselt, macht die rechtliche Situation im Einzelfall wahrscheinlich nicht einfacher.
Das Franchisemodell
Ich habe es oben bereits erwähnt: Im Kern ist MyCopyright ein Franchisemodell, das ProLitteris anderen Verwertungsgesellschaften anbieten will. Aus Sicht des technischen Partners Swiss Trust Layers gibt es zukünftige Businesspartner in anderen Branchen, u.a. im Gesundheitswesen und in der Flugbranche. Kunstschaffende liefern in diesem Modell nur Material. Inwieweit sie zukünftig tatsächlich davon profitieren oder in der ersten Phase nur den "proof of concept" mit ihren Werken füllen, muss sich noch zeigen.
Brauchen Kunstschaffende MyCopyright?
Wer technisch einigermaßen aufgestellt ist, könnte sich auf einem gemieteten Webserver ohne große Probleme ein ähnliches System mit Hashwert aufbauen, wahlweise mit oder ohne Dateiversionierung. Das wäre deutlich preiswerter, selbst wenn man dafür die Dienstleistung einer Programmiererin bucht. Auf die international zertifizierten Sicherungen muss man dabei freilich verzichten.
Ich bin allerdings davon überzeugt, dass es nicht lange dauern wird, bis Mitbewerber auf den Markt kommen, die die gleiche Idee in anderer Form umsetzen werden, und das wahrscheinlich zu attraktiveren Konditionen.
MyCopyright kann dennoch in manchen Fällen erst einmal hilfreich sein, beispielsweise um die Urheberschaft eines Buchmanuskripts zu einem hochaktuellen Thema während der Verlagssuche nachweisen zu können. Unter den aktuellen Bedingungen würde ich es auf jeden Fall nur für sehr relevante und kopiergefährdete Projekte einsetzen, damit können zugleich die Kosten im Rahmen gehalten werden.
ProLitteris bewegt sich als Verwertungsgesellschaft mit diesem Projekt recht weit weg von ihrem Kerngeschäft, nämlich der Rechteverwaltung und Lizenzierungsvergütung für die Urheber:innen oder Rechteinhaber:innen. Ein Geschäftsfeld zu erweitern, ist akzeptabel. Ich sehe hier aber einen zu geringen Nutzen für die Werkschaffenden. Möglicherweise profitieren Verlage mehr von den zukünftigen, auf sie zugeschnittenen Funktionen.
Das ungelöste Problem
Das drängendste Problem beim Thema KI und Kunst wird durch MyCopyright allerdings nicht angegangen: wie schützen sich Kunstschaffende effektiv vor dem unlizenzierten Zugriff ihrer digital erreichbaren Arbeiten (oder ihrer unerlaubt digitalisierten Werke)? Das wäre ein Thema, in das Verwertungsgesellschaften wie ProLitteris dringend Ressourcen investieren müssten, statt in Tools, für deren Nutzung Kunstschaffende zusätzlich zur Kasse gebeten werden.
Glossar
ProLitteris ist eine Verwertungsgesellschaft in der Schweiz, die insbesondere Autor:innen und Verlage vertritt. Es gibt in der Schweiz und in den anderen deutschsprachigen Ländern weitere Verwertungsgesellschaften, z.T. mit Fokus auf bestimmte Kunstsparten.
Das Urheberrecht entsteht durch den Prozess der menschlichen künstlerischen Schöpfung. Es ist unveräußerlich, auch du selbst kannst es nicht verkaufen. Was ein Autor oder eine Künstlerin verkaufen kann, ist immer eine Form des Nutzungsrechts.
Die Urheberschaft ist zugleich das Urhebersein und der Rechtsanspruch der Urheberin oder des Urhebers an seinem Werk.
Links
ProLitteris über MyCopyright
Das ProLitteris-Portal für Urheber:innen und Verlage
Verband deutscher Schriftsteller*innen: Einkommen von Autor:innen 2025
Ich habe das hier vorgestellte Tool unabhängig getestet, ohne Auftrag von und ohne Honorierung durch ProLitteris oder seinen technischen Partner. Im Kontakt mit Swiss Trust Layers habe ich Detailfragen zum Tool geklärt. Danke dafür an Daniel Wattenhofer.